Sein oder werden?
Warum wir unser Leben oft damit verbringen, jemand zu werden – und dabei vergessen, wer wir bereits sind.
Ein Leben lang streben wir nach dem, was uns glücklich machen soll. Manche suchen das in beruflichem Erfolg, in Geld und Anerkennung. Andere in Liebe und Geborgenheit, in einer Beziehung oder Familie. Wieder andere in Freiheit und Unabhängigkeit.
So verschieden diese Wünsche auch sind – sie alle haben eines gemeinsam: Wir glauben, dass wir erst dann ankommen werden, wenn wir sie erreicht haben. Dass Erfüllung etwas ist, das vor uns liegt. Etwas, das wir noch werden müssen. Noch erreichen müssen. Noch verdienen müssen. Weil wir gelernt haben, uns über Erfolg zu definieren. Weil er uns Anerkennung und Wertschätzung bringt. Und weil wir meinen, dass genau das ein erfülltes Leben ausmacht. Doch ist es wirklich so – wenn wir einmal ehrlich zu uns sind?
Von Kindesbeinen an lernen wir, wie wichtig es ist, im Leben etwas zu erreichen. Schon früh werden wir beurteilt, benotet und bewertet. Wir lernen, Ziele zu verfolgen, Leistung zu erbringen und Erwartungen zu erfüllen. So gehen wir bereits früh mental in dieses Streben nach Zielen, nach Messen und nach Wettbewerb hinein.
Talente und Fähigkeiten, die in uns schlummern, haben dabei nicht immer die Chance, entdeckt und gefördert zu werden.
Doch was ist es denn wirklich, worum es im Leben geht?
Was macht den Menschen aus?
Ist er nicht einzigartig in seiner Art und seinem Wesen? Und wo bleibt diese Einzigartigkeit, die wir als Kinder noch so selbstverständlich gelebt haben?
Und so verlassen wir die Schule in dem Glauben, für das Leben gerüstet zu sein. Wir jagen Zielen hinterher, die uns oft von außen vorgegeben werden. Wir machen sie zu unseren eigenen und glauben, angekommen zu sein, wenn wir die eine oder andere Sprosse der Karriereleiter erklommen haben. Oder uns den einen oder anderen Wunsch erfüllen können.
Doch was ist das?
Es ist ein ständiges Hinterherjagen.
Mehr Geld.
Mehr Ansehen.
Mehr Freunde.
Mehr Reisen.
Vielleicht kennst du diesen Moment. Du hast etwas erreicht, auf das du lange hingearbeitet hast. Und dennoch kehrt die Zufriedenheit nicht dauerhaft ein. Nach kurzer Zeit erscheint bereits das nächste Ziel am Horizont.
Wo sind die Träume, die unsere Kindheit begleitet haben? Sie verblassen langsam an der Realität, bis wir sie vor lauter Aktionismus, Funktionieren und Verantwortung vergessen haben. Doch sie sind immer noch da – tief in uns. Wir schauen nur nicht mehr hin.
Irgendwann taucht dann vielleicht eine leise Frage auf:
War das alles?
Dann bemerkst du vielleicht eine schleichende Unzufriedenheit. Eine zunehmende Leere. Eine schwindende Energie. Die Diskrepanz zwischen dem Leben, das du nach außen lebst, und dem, was dein Inneres sich wünscht, wird größer. Und irgendwann so groß, dass sie dich fast zwingt, innezuhalten. Endlich hinzusehen. Ehrlich.
Führt das Erreichen all dieser Wünsche und Ziele wirklich zu Erfüllung? Bringt es wirklich Sinn und Glück? Sind es überhaupt unsere Ziele? Vielleicht liegt das Problem gar nicht im Streben selbst – sondern darin, wonach wir streben. Und für wen.
Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir zunächst bereit sein, nach innen zu schauen. Uns selbst zuzuhören. Innezuhalten.
Dem zuzuhören, was da aus uns herauskommt. Dem Wunsch, den wir vielleicht nie zu träumen gewagt haben, weil wir zu beschäftigt waren mit Zielen, mit Leistung, mit Weitergehen und mit dem Werden dessen, was wir sein wollen.
Doch was ist mit dem Sein?
Mit dem Menschen, der du bereits bist?
Wo ist er?
Lass ihn einmal zu Wort kommen und schau, was dann geschieht.
Dann wird sie hörbar. Die leise Stimme in dir, die nicht nach Anerkennung sucht und keine Erwartungen erfüllen muss. Die Stimme, die dir deinen eigenen Weg zeigt – jenseits von dem, was du bisher vielleicht gelebt hast.
Und vielleicht liegt dieser Weg näher bei dir, als alles, wonach du bisher gesucht hast.


